VWAP Trading: Wofür die Linie im Futures-Daytrading taugt
Beim VWAP Trading kaufst du nicht einfach an einer Linie. Der VWAP sagt dir, wo der Markt seit einem festen Startpunkt im Schnitt gehandelt hat. Damit beantwortet er zwei Fragen: Was für ein Tag ist heute, und ist der Preis gerade teuer oder billig? Dafür ist er im Futures-Daytrading sehr gut.
Was als Nächstes passiert, sagt er dir nicht. Und in manchen Situationen ist er nutzlos, die zeige ich dir weiter unten.
Risikohinweis: Trading mit Futures und anderen Finanzinstrumenten birgt erhebliche Verlustrisiken. Vergangene Ergebnisse sind kein Indikator für zukünftige Performance. Setze nur Kapital ein, dessen Verlust du verkraften kannst.
Was dir die Linie zeigt
Der VWAP ist der Durchschnittspreis, gewichtet mit dem Volumen. Mehr musst du von der Formel nicht wissen. Die meisten Erklärungen zum VWAP Indikator hören da auf.
Lies ihn wie ein Preisschild. Steht der Preis über dem VWAP, handelt der Markt gerade teurer als im Schnitt seit dem Start. Steht er darunter, handelt er billiger. Das ist die Bedeutung des VWAP.
Ursprünglich ist er eine Messlatte für die Ausführung. Große Anleger messen daran, wie gut eine Order abgearbeitet wurde. Ich selbst wurde als institutioneller Trader am Volumenprofil bewertet. Die Ausführungsalgorithmen, die ich bedient habe, liefen größtenteils auf VWAP-Basis. Sie haben sich an ihrem eigenen VWAP gemessen, gerechnet ab ihrem Start, nie an einem Daily- oder Session-VWAP.
Die Linie auf deinem Chart ist also gar nicht die, an der sich so ein Algo misst. Dass dort jemand für dich kauft, kannst du daraus nicht ableiten.
Wofür der VWAP im Futures-Daytrading taugt
Er taugt für Kontext. Vier Dinge liest du daran ab, und das erste ist das wichtigste.
Was für ein Tag heute ist
Schau auf die Neigung. Läuft der VWAP flach und der Preis kreuzt ihn immer wieder in beide Richtungen, hast du einen Two-Way Market, und keine Seite kommt durch. Neigt er sich deutlich und der Preis bleibt auf einer Seite, hast du einen One-Way Market. Wie du das früh am Tag einordnest, steht bei den Marktphasen.
Von dieser Frage hängt alles andere ab. Derselbe Test der Linie bedeutet an einem Rangetag etwas anderes als an einem Trendtag.
In welche Richtung du denkst
Über der Linie denkst du eher in Longs, darunter eher in Shorts. Das ist eine Tendenz und kein Handelssignal. Sie gilt nur in der Nähe der Linie. Direkt auf der Linie hat der Markt für mich keine klare Richtung. Da bilde ich mir keine Meinung. Ich trete einen Schritt zurück und zähle die Seite erst, wenn der Preis klar drüber oder drunter ist. Ob man dort traden kann, ist eine andere Frage.
Das ist paradox. Über dem VWAP bekommt ein Verkäufer rechnerisch den besseren Preis. Kippt der Preis aber gerade erst über die Linie, gewinnt zunächst das Momentum, weil jeder noch einen etwas besseren Deal rausholen will. Das gilt deshalb am Anfang des Wechsels und nicht am späten Ende.
Wie teuer der Preis gerade ist
Der Abstand zur Linie sagt dir mehr als die Seite. Nimmst du die Linie als Bezugspunkt für deinen Stop, wird dein Risiko mit jedem Punkt Abstand größer. Bei gleichem Ziel wird dein Chance-Risiko schlechter. Und weit weg von der Linie ist der Vorteil für mich sowieso weg, weil dort Mean-Reversion-Fonds und Market Maker gegen die Bewegung arbeiten. Läufst du da weiter hinterher, wirst du immer wieder ausgestoppt.
Wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen
Die Linie zeigt dir einen Ort. Was dort passiert, siehst du im Orderflow. Werden Verkäufer am VWAP absorbiert oder tauchen dort Big Trades auf, zählt das.
Wann der VWAP nutzlos ist
| Situation | Was mit der Linie los ist |
|---|---|
| Trendtag | Der Preis muss nicht zurückkommen, und die Linie kann ihm hinterherlaufen. |
| Die ersten Minuten nach dem Start | Es steckt kaum Volumen im Schnitt, jede größere Order verschiebt die Linie. |
| Spät in der Session | Das Volumen des ganzen Tages steckt drin. Die Linie bewegt sich kaum noch und hinkt hinterher. |
| Direkt nach großen Zahlen | Der Schnitt enthält noch den alten Preisbereich, und der Markt sucht womöglich erst einen neuen. |
| Dünne Nachtstunden | Der Daily VWAP ruht auf wenig Volumen und kann sich stark verschieben, sobald das US-Volumen kommt. |
| CFDs und Spot-Forex | Es gibt kein zentrales Volumen. Was du siehst, kommt von deinem Anbieter und zeigt nicht den ganzen Markt. |
Am Trendtag wird das zum Problem. Wer VWAP-Reversion tradet, rechnet damit, dass der Preis zur Linie zurückkommt, und auf Rangetagen passiert das oft. Es gibt aber zwei Wege, wie Preis und Linie wieder zusammenkommen: Der Preis läuft zur Linie, oder die Linie läuft zum Preis. An einem Trendtag kann es das zweite sein. Oder der Abstand bleibt einfach bestehen, und du wartest auf eine Rückkehr, die nicht kommt.
Das Problem mit dem Volumen hast du beim Nasdaq-Future NQ nicht. Der Kontrakt läuft über eine einzige Börse, die CME, also gibt es ein zentrales Volumen.
Der Startpunkt entscheidet, welche Linie du siehst
Ein VWAP ist immer ein Durchschnitt ab einem bestimmten Moment. Beim Future zählt das, weil der NQ fast rund um die Uhr läuft. Zum Cash Open in New York hat er schon Stunden gehandelt, und wenn deine Session die Nacht mitzählt, steckt das im Daily VWAP mit drin.
Im NQ nutze ich deshalb bis zu drei VWAPs: Daily, EU-Session und US-Session. Den Daily habe ich immer im Chart, die Session-VWAPs nur manchmal. Wird mir der Chart zu voll, schalte ich sie ab. Welche Linie heute die beste ist, weiß vorher sowieso niemand, also bleibe ich lieber einfach. In der US-Session ist der US VWAP am Anfang oft wichtiger, weil er nur misst, was ab dem Cash Open passiert. Später laufen die beiden meist fast parallel. Und alle sind grobe Bereiche, der Preis reagiert nicht auf den exakten Tick. Dreht der Preis scheinbar grundlos kurz vor dem Daily VWAP, schalt den US VWAP dazu, oft liegt die Erklärung dort. Wie ich den NQ sonst lese, steht in meinem Guide zu den Nasdaq Futures.
Auch die Berechnung unterscheidet sich. TradingView rechnet standardmäßig mit dem typischen Preis jeder Kerze, also dem Mittel aus Hoch, Tief und Schluss. Das ist eine Näherung, und die Linie kann von einer abweichen, die aus einzelnen Trades rechnet. Für die Vorbereitung reicht das.
Was die Bänder dir sagen
Standardabweichungs-Bänder um den VWAP zeigen dir, wie weit sich der Preis im Verhältnis zur bisherigen Schwankung entfernt hat. So kannst du den Abstand an einem ruhigen und an einem wilden Tag vergleichen.
Oft liest du dazu, dass 68 Prozent der Kurse im ersten und 95 Prozent im zweiten Band liegen. Das gilt nur für normalverteilte Daten, und darauf kannst du dich intraday nicht verlassen. An einem Trendtag kann der Preis lange am äußeren Band entlanglaufen. Ein Band ist deshalb kein Preis, an dem der Markt drehen muss.
Beim Anchored VWAP wählst du den Startpunkt selbst
Ein Anchored VWAP rechnet ab einem Punkt, den du selbst setzt, etwa ab einem markanten Hoch oder Tief oder dem Beginn einer großen Bewegung. Damit stellst du eine andere Frage: Wo liegt der Durchschnittspreis aller Trades seit diesem Ereignis?
Die Schwierigkeit ist, dass du nicht weißt, wann eine Institution angefangen hat. Ungewöhnliches Volumen, ein sehr großer Trade oder der Beginn einer Kampagne sind für mich begründete Vermutungen. Liegst du leicht daneben, ist der Durchschnitt trotzdem brauchbar. Je länger jemand ausführt, desto weniger macht ein kleiner Fehler aus. Im Nachhinein findest du allerdings immer einen Anker, an dem der Preis schön gedreht hat. Er sagt dir also nur etwas, wenn du ihn vorher aus einem Grund gesetzt hast, den du benennen kannst.
Womit du anfangen solltest
Nutze den VWAP zuerst für eine einzige Frage: Was für ein Tag ist heute? Erst wenn du die beantwortet hast, schaust du auf Seite und Abstand. Ob du an der Linie tradest, entscheidet der Orderflow.
Das entscheidet auch dein Stil. Als Scalper nimmst du jede echte Gelegenheit mit, als Daytrader wartest du auf die größere Bewegung. Von Natur aus verdient keiner von beiden mehr. Wer aber als Daytrader jeden Scalp rund um die Linie mitnimmt, verliert sehr wahrscheinlich Geld.
Wie wir das im NQ in der Praxis lesen, zeigen wir dir bei uns im Mentoring.
