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GlossarVolatilität

ATR (Average True Range)

Die Average True Range (ATR) ist ein Volatilitätsindikator, der die durchschnittliche Handelsspanne eines Wertpapiers über einen definierten Zeitraum misst und so die aktuelle Schwankungsintensität quantifiziert.

Marco BösingVon Marco Bösing4 Min. Lesezeit

Was ist die ATR (Average True Range)?

Die Average True Range (ATR) ist ein von J. Welles Wilder Jr. im Jahr 1978 entwickelter technischer Indikator, der die durchschnittliche Schwankungsbreite eines Finanzinstruments über eine bestimmte Anzahl von Perioden misst. Die ATR gehört zu den meistgenutzten Volatilitätsindikatoren im Trading und ist auf nahezu jeder Charting-Plattform verfügbar.

Berechnung der ATR

Die Berechnung der ATR erfolgt in zwei Schritten:

True Range (TR)

Die True Range ist der größte der drei folgenden Werte:

  • Differenz zwischen aktuellem Hoch und aktuellem Tief
  • Betrag der Differenz zwischen aktuellem Hoch und Schlusskurs der Vorperiode
  • Betrag der Differenz zwischen aktuellem Tief und Schlusskurs der Vorperiode

Durch die Einbeziehung des Vorperioden-Schlusskurses erfasst die True Range auch Kurslücken (Gaps), die zwischen zwei Perioden auftreten. Ein einfacher High-Low-Range würde diese Informationen verlieren.

Glättung zur ATR

Die ATR wird als gleitender Durchschnitt der True Range berechnet. Die Standardperiode beträgt 14 Perioden. Wilder verwendete eine spezielle Glättungsmethode:

ATR = ((ATR der Vorperiode × 13) + aktuelle True Range) / 14

Diese Methode gewichtet die Vergangenheit stärker als ein einfacher Durchschnitt und sorgt für eine glattere Kurve.

Interpretation der ATR

Die ATR gibt die durchschnittliche Schwankungsbreite in absoluten Preiseinheiten an. Ein ATR-Wert von 2,50 bei einer Aktie bedeutet, dass das Wertpapier im Durchschnitt 2,50 Einheiten pro Periode schwankt.

Wichtige Grundsätze der Interpretation:

  • Steigende ATR: Die Volatilität nimmt zu – Preisbewegungen werden größer
  • Fallende ATR: Die Volatilität nimmt ab – der Markt wird ruhiger
  • Hohe ATR relativ zur Historie: Der Markt befindet sich in einer hochvolatilen Phase
  • Niedrige ATR relativ zur Historie: Der Markt befindet sich in einer niedrigvolatilen Phase, ein Ausbruch könnte bevorstehen

Die ATR gibt keine Richtung an. Sie misst ausschließlich die Intensität der Schwankungen, unabhängig davon, ob der Markt steigt oder fällt.

ATR im Trading: Praktische Anwendungen

Stop-Loss-Setzung

Die häufigste Anwendung der ATR ist die volatilitätsbasierte Stop-Loss-Platzierung. Statt einen festen Punktwert als Stop zu verwenden, wird der Stop als Vielfaches der ATR gesetzt:

  • 1× ATR: Enger Stop, häufiger ausgelöst
  • 1,5–2× ATR: Standardmäßiger Stop, gibt dem Trade genügend Spielraum
  • 3× ATR: Weiter Stop für Swing-Trades oder volatile Märkte

Dieser Ansatz passt den Stop automatisch an die aktuelle Marktvolatilität an. In ruhigen Phasen wird der Stop enger, in volatilen Phasen weiter.

Positionsgrößenbestimmung

Die ATR eignet sich hervorragend zur Berechnung der Positionsgröße. Wenn ein Trader pro Trade ein festes Risiko in Geldeinheiten definiert, bestimmt die ATR, wie viele Einheiten gehandelt werden:

Positionsgröße = Risikobudget / (ATR-Multiplikator × ATR)

In hochvolatilen Phasen wird die Position automatisch kleiner, in ruhigen Phasen größer – ein natürlicher Mechanismus zur Risikokontrolle.

Trailing Stops

Der Chandelier Exit ist ein bekannter ATR-basierter Trailing Stop, der den Stop bei Long-Positionen auf das Periodenhoch minus einem ATR-Vielfachen setzt. Dieser Stop bewegt sich mit dem Markt nach oben, zieht aber nie zurück.

Filterfunktion

Trader nutzen die ATR, um Trades nach Volatilität zu filtern. In Phasen extrem niedriger ATR (Konsolidierung) werden Breakout-Strategien bevorzugt, während in Phasen hoher ATR Mean-Reversion-Ansätze interessanter werden können.

ATR-Perioden und Zeitrahmen

Die Standardperiode von 14 kann je nach Trading-Stil angepasst werden:

  • Kürzere Perioden (7–10): Reagieren schneller auf Volatilitätsänderungen, mehr Rauschen
  • Standardperiode (14): Ausgewogene Darstellung der aktuellen Volatilität
  • Längere Perioden (20–50): Glattere Darstellung, zeigen den übergeordneten Volatilitätstrend

Die ATR funktioniert auf allen Zeitrahmen – von 1-Minuten-Charts für Daytrader bis zu Wochen-Charts für langfristige Investoren. Der Wert ändert sich entsprechend dem betrachteten Zeitrahmen.

Grenzen der ATR

Die ATR hat einige Einschränkungen, die Trader beachten sollten:

  • Keine Richtungsinformation: Die ATR zeigt nicht, ob der Markt steigt oder fällt
  • Nachlaufend: Als gleitender Durchschnitt reagiert die ATR verzögert auf plötzliche Volatilitätsänderungen
  • Nicht vergleichbar zwischen Instrumenten: Ein ATR-Wert von 5 hat bei einer 20-€-Aktie eine andere Bedeutung als bei einer 500-€-Aktie – hier hilft die prozentuale ATR (ATR/Kurs × 100)

FAQ

Was ist ein guter ATR-Wert?

Es gibt keinen universell „guten" ATR-Wert. Die ATR muss immer im Kontext des gehandelten Instruments und seines historischen Volatilitätsniveaus betrachtet werden. Vergleiche den aktuellen ATR-Wert mit dem Durchschnitt der letzten Wochen oder Monate.

Welche ATR-Periode sollte ich verwenden?

Die Standardperiode von 14 ist für die meisten Anwendungsfälle geeignet. Daytrader können kürzere Perioden (7–10) bevorzugen, Swing-Trader bleiben oft bei 14, und Positionstrader nutzen teilweise 20 oder mehr.

Wie unterscheidet sich die ATR von der Standardabweichung?

Beide messen Volatilität, aber unterschiedlich. Die ATR basiert auf Handelsspannen (High-Low-Close) und erfasst Gaps. Die Standardabweichung misst die Streuung der Schlusskurse um ihren Mittelwert. Die ATR ist für die praktische Stop-Setzung oft intuitiver.

Kann ich die ATR für verschiedene Assetklassen nutzen?

Ja, die ATR funktioniert für Aktien, Futures, Forex und Kryptowährungen gleichermaßen. Da der Wert absolut ist, sollte für den Vergleich verschiedener Instrumente die prozentuale ATR verwendet werden.

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