Kostenloses Erstgespräch

Orderflow

Volumenprofil im Trading: POC, Value Area und VWAP erklärt

Marco BösingVon Marco Bösing12 Min. Lesezeit

Volumenprofil im Trading: POC, Value Area und VWAP erklärt

Ein Volume Profile trägt gehandeltes Volumen preislich ab, nicht zeitlich. Es zeigt dir nicht, wann gehandelt wurde, sondern wo. Genau dort, wo Institutionen tatsächlich Positionen aufgebaut haben. Wenn du verstehen willst, wie Orderflow Trading in der Praxis funktioniert, ist das Volume Profile dein wichtigstes analytisches Werkzeug. Als institutioneller Trader wurde ich anhand des Volumenprofils bewertet. Es war die Grundlage für meine gesamte Leistungsbewertung.

Hinweis: Trading mit Futures und anderen Finanzinstrumenten birgt erhebliche Risiken und ist nicht für jeden geeignet. Die hier beschriebenen Konzepte dienen der Weiterbildung und stellen keine Anlageberatung dar. Du kannst mehr verlieren als dein eingesetztes Kapital.

Was ein Volume Profile zeigt, das Kerzen nicht können

Kerzen zeigen dir den Preis über die Zeit. Ein Volume Profile dreht diese Perspektive um: Es zeigt dir das Volumen auf jedem einzelnen Preisniveau. Ein Volumenprofil ist nichts anderes als das Volumen preislich abgetragen, nicht mehr zeitlich, sondern nach Preis. Das klingt simpel, aber dieser Perspektivwechsel verändert alles.

Drei Komponenten definieren jedes Volume Profile:

  • VPOC (Volume Point of Control): Das Preisniveau mit dem meisten gehandelten Volumen. Hier hat der Markt den größten Konsens gefunden.
  • Value Area High (VAH): Die obere Grenze des Bereichs, in dem rund 70 % des Volumens gehandelt wurde.
  • Value Area Low (VAL): Die untere Grenze dieses Bereichs.

Die 70 % sind kein willkürlicher Wert. Mathematisch exakt entspricht eine Standardabweichung 68,2 % der Daten. Die Trading-Software rundet auf 70 %, weil das programmiertechnisch einfacher umzusetzen ist. Egal wie der Tag endet: Wenn das Profil abgeschlossen ist, sind die 70 % immer echte 70 %. Die Mathematik dahinter ist sehr genau.

Warum das wichtig ist: Das Volume Profile zeigt dir, wo Konsens existierte (hohes Volumen) und wo der Markt Preise abgelehnt hat (niedriges Volumen). Es gibt dir eine Karte der institutionellen Aktivität, nicht der Preisentwicklung.

Günstige und teure Preise: Warum der Markt zur Value Area zurückkehrt

Oberhalb der Value Area High ist es teuer für Käufer und günstig für Verkäufer. Unterhalb der Value Area Low ist es günstig für Käufer und teuer für Verkäufer. Das ist keine Meinung, das ist Statistik. Oberhalb der ersten Standardabweichung ist es immer teuer.

Die institutionelle Logik dahinter: Diejenigen, die die Märkte bewegen, schauen nur darauf, wie sie am besten gute Durchschnittspreise bekommen. Es ist vollkommen egal, den besten Preis zu kriegen, weil das 0,3 bis 1 Prozent der gesamten Liquidität ausmacht. Es spielt keine Rolle. Es kommt immer auf den Durchschnittspreis an.

Wenn der Preis unter die Value Area Low fällt, laden Institutionen auf. Sie kaufen aggressiv, weil die Preise statistisch günstig sind. Das nennt man "Loading the Boat": So viel kaufen wie möglich, weil der Durchschnittspreis massiv verbessert wird.

Wenn der Preis über die Value Area High steigt, halten Käufer zurück, und Verkäufer treten ein. Hier und da kommt ein guter Trade zustande, weil der Preis wieder zurückkommt und wieder in den 70 % handelt. Das ist kein Geheimnis, es ist reine Mathematik: Die restlichen 30 % des Volumens teilen sich auf die Zonen oberhalb und unterhalb der Value Area auf, also jeweils etwa 15 %. Dort wird deutlich weniger gehandelt, weil der Preis für die Mehrheit der Marktteilnehmer unattraktiv ist.

Ich wurde als institutioneller Trader genau darauf bewertet: Wie effizient war mein Durchschnittspreis im Verhältnis zum Volumenprofil des Tages? Es gab eine Bewertungsfunktion, die validierte, ob ich gut oder schlecht bin als Trader. Daran werden die Institutionellen bewertet.

Was passiert, wenn Institutionen nicht reagieren

Außerhalb der Value Area sollten die Institutionen reinkommen. Wenn sie zuschlagen, bestätigt das die Logik: Der Markt kehrt zur Value Area zurück. Wenn sie aber nicht reinkommen, dann sagt das einiges über den kommenden Move. Dieses Ausbleiben ist eines der stärksten Signale im Orderflow. Wenn Käufer bei günstigen Preisen nicht kaufen, will niemand kaufen. Die Richtung ist klar.

Die drei Strukturen, die du im Volume Profile erkennst

Jedes Volume Profile erzählt eine Geschichte über den Kampf zwischen Käufern und Verkäufern. Drei Strukturen sind dabei entscheidend. Wenn du sie lesen kannst, verstehst du, wo Druck entsteht und wo der Markt die nächste Bewegung vorbereitet.

Annotiertes Volume Profile mit VPOC, VAH, VAL und markierten Zonen für günstige Käufer- und Verkäuferpreise

Bäuche (High Volume Nodes)

Ein Bauch im Profil zeigt einen Preisbereich, in dem viel gehandelt wurde. Umso größer der Bauch, umso mehr müssen dort gehandelt haben. Das war ein Kampf. Käufer und Verkäufer haben sich auf diesem Niveau gegenseitig neutralisiert.

Warum das für dich relevant ist: Wenn der Preis zu einem früheren Bauch zurückkehrt, reagieren die dort gefangenen Marktteilnehmer. 50 % waren Long, 50 % waren Short. Die Verlierer müssen covern, und das erzeugt vorhersehbaren Druck. Frühere Bäuche sind zukünftige Referenzzonen.

Täler (Low Volume Nodes)

Ein Tal ist das Gegenteil: ein Preisniveau, an dem wenig gehandelt wurde. Die Marktteilnehmer, Käufer sowie Verkäufer, waren sich nicht einig, dass der Preis interessant ist. Entweder wurde der Preis schnell durchlaufen oder hart abgelehnt.

In langsameren Märkten funktionieren Täler besonders gut als Ablehnungszonen. Wenn der Preis auf ein Tal trifft und dort kein neues Volumen entsteht, ist die Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung hoch. In schnellen Märkten kann ein Tal aber auch ein Zeichen dafür sein, dass der Preis einfach durchgerutscht ist. Der Kontext entscheidet: Geschwindigkeit und Volumen bei der Annäherung an das Tal sagen dir, ob Ablehnung oder Durchbruch wahrscheinlicher ist.

VPOC Shift

Intraday-Chart mit VPOC Shift: Der Point of Control verschiebt sich auf ein neues Preisniveau mit anschließender Volatilität

Der VPOC Shift ist eines der unterschätztesten Signale im Intraday-Trading. Jedes Mal wenn der VPOC sich verschiebt, kann Volatilität auftreten. Denn es ist eine neue Bewertung möglich.

Die institutionelle Logik: Wenn der VPOC nach oben shiftet, bekommen Käufer, die vorher zu teuer eingekauft haben, plötzlich bessere Durchschnittspreise. Sie können wieder Gas geben. Das Gleiche gilt umgekehrt für Verkäufer bei einem Shift nach unten. Irgendwann kommt der VPOC Shift, und auf einmal bekommt die eine Seite wieder einen besseren Preis. Kombiniert mit einem Range-Breakout wird der VPOC Shift zu einem direktionalen Bestätigungssignal.

Daily vs Composite Profile: Welches Profil wann?

Für Intraday-Trading ist das Daily Volume Profile das primäre Werkzeug. Es zeigt dir die Bewertung des aktuellen Tages und gibt dir die relevantesten Referenzpunkte für deine Trading-Session. Du siehst sofort, wo der heutige Konsens liegt und wo institutionelle Aktivität stattfindet.

Composite Profiles über mehrere Tage eignen sich eher für Swing-Trader, die eine übergeordnete Struktur analysieren wollen. Ein Composite Profile aggregiert das Volumen mehrerer Sessions und zeigt dir dadurch breitere Zonen von Akzeptanz und Ablehnung. Wenn du zum Beispiel ein 5-Tage-Composite erstellst, siehst du, wo der Markt über die ganze Woche hinweg den meisten Konsens gefunden hat. Diese breiteren Zonen funktionieren als stärkere Unterstützungs- und Widerstandsniveaus, weil mehr Marktteilnehmer dort positioniert sind.

Für die tägliche Arbeit am Orderflow reicht das Daily Profile. Der Vergleich von Value Areas aufeinanderfolgender Tage gibt dir zusätzlich einen direktionalen Bias: Shiftet die Value Area nach oben, ist der Markt Long-biased. Shiftet sie nach unten, Short-biased. Dieses Prinzip ist einfach und gleichzeitig eines der stärksten Werkzeuge, die ich kenne. Es kommt direkt aus der Statistik: Wenn 70 % aller Trades von Tag zu Tag auf höherem Niveau stattfinden, zeigt dir die Masse, wohin die Reise geht.

VWAP: Das dynamische Volume Profile

Der VWAP (Volume Weighted Average Price) ist im Kern dasselbe Konzept wie das Volume Profile, nur in Echtzeit berechnet. Statt eines fertigen Profils am Ende des Tages bekommst du einen laufenden volumengewichteten Durchschnittspreis. Über dem VWAP ist der Markt Long-biased, darunter Short-biased.

Es gibt verschiedene VWAP-Varianten: den Daily VWAP, den EU-Session VWAP und den US-Session VWAP. Jeder bildet einen eigenen Referenzpunkt für die jeweilige Handelsperiode.

Der institutionelle Hintergrund macht den VWAP besonders relevant: Besonders im NQ-Trading ist der VWAP zentral, weil fast alle Algorithmen der Institutionen aufgrund von VWAPs funktionieren. Sie sind darauf programmiert. Wenn ein Algorithmus Aufträge ausführt, orientiert er sich am volumengewichteten Durchschnitt, nicht an gleitenden Durchschnitten oder RSI.

Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Standard-VWAP und dem, was Institutionen wirklich nutzen. Ein Anchored VWAP startet genau dann, wenn die Institution einsteigt. Er beginnt nicht um Mitternacht oder zum Session-Start, sondern exakt am Startpunkt der institutionellen Kampagne. Den genauen Ankerpunkt zu finden ist die eigentliche Schwierigkeit. Aber wenn eine Institution eine Stunde lang sammelt, hinterlässt sie Spuren. Im Footprint Chart kannst du diese Aktivität erkennen und den Ankerpunkt eingrenzen.

Dieses Multi-VWAP-Konzept ist etwas, das die meisten Trader nicht kennen. Der Daily VWAP allein reicht nicht. Erst wenn du verstehst, dass verschiedene VWAPs verschiedene Gruppen von Marktteilnehmern repräsentieren, kannst du wirklich lesen, wer gerade aktiv ist. Der EU-Session VWAP zeigt dir, wie europäische Institutionen den Markt bewertet haben. Der US-Session VWAP zeigt dir dasselbe für die amerikanische Session. Wenn beide VWAPs in dieselbe Richtung zeigen, hast du einen starken Bias. Wenn sie auseinanderlaufen, ist der Markt noch unentschieden.

FAQ: Volume Profile

Ist das Volume Profile ein Einstiegssignal?

Nein. Das Volume Profile liefert dir Kontext: Wo sind günstige Preise? Wo ist der Konsens? Wo sollten Institutionen reagieren? Aber der eigentliche Einstieg kommt aus der Orderflow-Bestätigung auf diesen Niveaus. Im Footprint Chart siehst du, ob an einem VAL-Niveau tatsächlich aggressive Käufer aktiv werden. Und über Big Trades erkennst du, ob die großen Marktteilnehmer wirklich einsteigen. Das Volume Profile sagt dir wo du traden solltest. Der Orderflow sagt dir wann du einsteigst. Ohne diese Kombination fehlt dir immer eine Hälfte des Bildes. Viele Anfänger machen den Fehler, direkt an der Value Area Low zu kaufen, nur weil der Preis dort "günstig" ist. Ohne Bestätigung durch den Orderflow weißt du aber nicht, ob die Institutionen tatsächlich einsteigen oder ob der Preis weiter fällt.

Funktioniert das Volume Profile bei Krypto und Forex?

Das Konzept funktioniert bei jedem Markt, der verlässliche Volumendaten liefert. Bei Futures wie ES, NQ oder Gold bekommst du echte Börsendaten von der CME, und die Volumenprofile sind entsprechend aussagekräftig. Bei Forex und Krypto ist das Volumen je nach Datenanbieter fragmentiert, weil kein zentrales Orderbuch existiert. Die Profile können trotzdem nützlich sein, aber die Genauigkeit ist nicht vergleichbar mit regulierten Futures-Märkten.

Welche Software brauche ich für Volume Profile Analyse?

Für professionelle Volumenprofil-Analyse brauchst du eine Software, die echte Tickdaten verarbeitet. Wir arbeiten hauptsächlich mit ATAS, weil es die stärksten Optionen für Footprint Charts, Delta Profile und Volumenanalyse bietet. TradingView hat mittlerweile ein eingebautes Volume Profile, das für den Einstieg ausreicht. Entscheidend ist weniger die Plattform als das Verständnis dessen, was du siehst. In unserem Orderflow Software Vergleich findest du eine detaillierte Gegenüberstellung der wichtigsten Tools.


In unserem Mentoring lernst du diese Konzepte in über 1.500 Videolektionen mit echten Chartbeispielen. Die NQ Masterclass widmet dem Volumenprofil allein 10 Lektionen, und das Bootcamp zeigt dir Schritt für Schritt, wie du Daily Profiles und VWAP-Logiken in der Praxis einsetzt.

Orderflow Trading professionell lernen

In unserem Mentoring lernst du diese Konzepte in über 1.500 Videolektionen mit echten Chartbeispielen.

Kostenloses Erstgespräch buchen

Weitere Artikel